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Angst.

Zugegeben: Im Teufel an die Wand malen bin ich verdammt gut.
Ich male den Herrn so detailliert, dass er vor sich selbst schrecken würde.
Aber von vorn:

Vor etwas mehr als 3 Wochen hatte ich eine Bindehautentzündung auf dem linken Auge. Da es Samstag war, musste ich zur Notfallstation ins Neubrandenburger Klinikum. Bei der Untersuchung wurde festgestellt, dass ich diabetische Spätfolgen (diabetische Retinopathie) in beiden Augen habe, die sehr, sehr weit voran geschritten sind.
Nachdem die BHE abgeklungen war, hatte sich das Sehvermögen meines linken Auges extrem verschlechtert, so dass ich beschloss – nicht wissend, ob durch die Spätfolgen, oder die BHE hervorgerufen – noch einmal einen Augenarzt aufzusuchen.

Bei dem war ich am Montag.

Die Ärztin meinte zu mir, die Retinopathie sei so weit voran geschritten, dass sie nicht mehr wisse, ob die herkömmliche Behandlung per Laser, überhaupt noch etwas brächte. Ich habe daher einen Notfalltermin zum 31.01.12 in der Augenklinik im Klinikum bekommen.
Sie meinte zu mir, dass es so aussieht, als wäre es nicht mehr wirklich aufzuhalten und in diesem Falle ist es höchst wahrscheinlich, dass ich in etwa 2 Jahren beidseitig überhaupt nichts mehr sehen kann, also vollständig erblinde.
Näheres kommt dann bei der Untersuchung in der Klinik heraus. Jedoch merke ich, wie abends die Sehkraft auch vom rechten Auge nachlässt.
Der weitere Plan? Kein Alkohol, Laufen, grüner Tee und vor allem den Diabetes besser im Blick halten. Leider alles irgendwie zu spät.

Ich würde mich jetzt gerne heroisch in den Wind stellen, flatterndes Cape an meinem Rücken, den Blick in die ferne Zukunft gerichtet und die Worte auf den Lippen, dass alles gut wird. Und ich in ein paar Jahren drüber lachen werde.
Aber das tue ich nicht. Wenn ich ehrlich bin, bin ich sehr am Boden. Ich bin verzweifelt. Das Augenlicht zu verlieren ist von allen Dingen eines, was für mich am schlimmsten ist. Ich lese für mein Leben gerne. Aber mittlerweile ist Stephen Kings „ES“ zu klein für mich bedruckt, sodass ich nicht einmal eine Seite schaffe. Ich fotografiere wieder gern, seit ich mein neues Objektiv bekommen habe. Aber wie soll ich das halb oder völlig blind tun?
Natürlich sollte man sich so etwas und Schlimmeres (von meinen Alpträumen berichte ich an dieser Stelle mal nicht) nicht die ganze Zeit vor Augen führen (Galgenhumor!) Abe diese Gedanken kommen von ganz allein.
Ich habe ein scheiß Angst. Eine Angst, wie sie nicht zu beschreiben ist, für die es keine Worte gibt. Und diese ist begründet. Denn es gibt zwar Chancen, aber die stehen schlecht, dass mein Zustand wenigsten stagniert. Heilung gibt es für die diabetische Retinopathie nämlich nicht.

Ich werde mir noch einen weiteren Termin bei einem anderen Augenarzt holen und eine zweite Meinung einholen. Auch möchte ich versuchen, meine Untersuchung und eventuelle Behandlung in der Berliner Charité durchführen zu lassen. Dennoch. Allein die Tatsache, dass ich diesen Text im Word mittlerweile im 130%-Zoom schreiben muss, zeigt mir, wie ernst es wirklich ist.
Ich bin in einem Albtraum gefangen.
Ich habe ein paar Menschen, die mir mit Rat, Tat und einige mit viel Liebe zur Seite stehen. Es gibt viele, die mir die Daumen drücken und in Gedanken bei mir sind. Viele, die mir von Herzen alles Gute wünschen. Das hilft mir ungemein und ich bin dafür wirklich dankbar, das ändert aber nichts am Verlauf dieser Erkrankung.

Das hier ist kein hoffnungsvoller Text. Und ich weiß auch gar nicht genau, was ich damit sagen will, was ich damit rüber bringen will. Ich will es einfach nur schreiben. Will es raus lassen. Die Gedanken, die ich seit Montag im Kopf habe, endlich mal verfassen. Und eigentlich sind es noch viel mehr Gedanken. Dunklere. Aber die will ich nicht raus lassen. Noch nicht.
Wenn ich also gereizt bin, tut es mir Leid. Wenn ich jemanden anfahre, will ich das nicht. Ich bin einfach verdammt betrübt und im Moment schafft es immer nur eine Peson immer wieder, mich für ein paar Stunden davon weg zu bekommen. Mich trotzdem davon zu übezeugen, dass es gut ausgeht.

Das, was mich gerade noch voran treibt, ist die Hoffnung, meine Freundin irgendwann mal in einem Brautkleid zu SEHEN. Die ersten Schritte meiner Kinder zu SEHEN. Es ist diese Hoffnung, die mich aufrecht hält. Aber eben nicht heroisch im Wind, mit flatterndem Cape.
Ich mache mir im Moment eine Liste mit Personen, die ich noch einmal sehen möcte, bevor ich sie gegebenenfalls nur noch hören kann. Personen, die mir wichtig sind. An denen ich hänge.

Und danach? Wenn die Lichter langsam aus gehen? Wenn ich in ewiger Dunkelheit gefangen bin?
Ich weiß es nicht.
Davor habe ich Angst.

5 thoughts on “Angst.

  1. Habe mal gelesen: „Das Leben hat immer einen Wert, zu jeder Zeit und in jeder Situation“.

    In diesem Sinne, einfach weitermachen! Wer weiß schon, was sich noch ergibt?

    Grüße

    André

  2. Du erlebst gerade meinen persönlichen Albtraum :-( Ich bin sehr stark kurzsichtig und selbst mit Brille bekomme ich keine 100 %ige Sehstärke mehr. Und mir gehen sehr oft solche Ängste durch den Kopf, was ich tun würde, wenn ich mal erblinde. Obwohl bei mir – Gott sei Dank – eigentlich kein Anlass für diese Ängste besteht…. okay, als stark Kurzsichtiger ist das Risiko erhöht z. b. eine Netzhautablösung zu bekommen, aber das ist ja gut behandelbar, wenn rechtzeitig erkannt.

    Von daher, ich kann Deine Angst sehr gut nachfühlen, es muss grauenvoll sein… von daher habe ich auch keine Trostworte, ich wünsche Dir einfach nur das Allerbeste, dass es vielleicht doch noch eine Möglichkeit der Behandlung gibt und falls nicht, dass Du trotzdem den Lebensmut nicht verlierst und das Leben auch dunkel für Dich lebenswert bleibt.

    Ganz liebe Grüße….

  3. hey hallo :(
    das ist wirklich ganz ganz furchtbar und tut mir total leid. ich drück dir beide daumen und die zehen noch dazu, dass dieser alptraum bleibt was er ist, nämlich ein traum, und nie nie niemals zur realität wird. ich kann verstehen, dass du total am boden bist und denke, dass das auch vollkommen normal ist. keiner kann nachvollziehen was du gerade durch machst, daher fällt es auch schwer tröstende worte zu finden. da gibt es nunmal nichts schön zu reden. das ist eine totale scheiße-mehr fällt mir dazu nicht ein. toi toi toi, lieber link!!!

  4. deine angst nachvollziehen kann ich nicht da ich nicht in der lage bin. deine angst verstehen kann ich sehr gut! ich finde es gut dass du noch eine zweite meinung. gerade bei einer so schweren situation sollte man sich nicht auf einen verlassen, auch wenns ärzte sein ;)
    ich drück dir die daumen dass es vielleicht doch noch eine möglichkeit gibt um das fortschreiten zu verlangsamen, zu bessern.
    in gedanken bei dir :)

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