Essay, Gedankenseiten

Held, oder…?

Gundelfingen, 22. August 2011, 1:52

Herrgott! Ist es schon wieder spät. Oder früh. Wie man es sehen möchte.
Ich bin hundemüde. Seit Stunden. Und trotzdem wälze ich mich hin und her.
Vielleicht liegt es an der Wärme hier im Breisgau. Vielleicht liegt es am neuen Leben, das nun schon drei Wochen andauert. Vielleicht daran, dass sich morgen entscheidet, wie mein neues Leben weiter läuft. Ich weiß es nicht. Und eigentlich ist es mir auch egal. Denn ich bin wach. Und kann nicht schlafen. Das zählt.

In solchen Stunden kommt man viel zum Nachdenken. Viele Fragen fliegen einem im Kopf herum. Viele Dinge muss man verarbeiten. Der letzte Tag war schön. Fröhlich und ereignisreich. Neue Gesichter; neue Orte; ja – sogar neue Musik.
Ich sitze auf dem Sofa im Wohnzimmer, damit ich die Frau an meiner Seite, die in unserem gemeinsamen Bett liegt, nicht wecke. Nicht etwa, weil sie dann böse auf mich wäre, sondern weil ich weiß, wie sehr sie den Schlaf braucht; wie viel Stress und Ärger sie täglich bewältigen muss. Und ich gönne ihr diesen ruhigen, erholsamen Schlaf. Gönne ihn ihr sehr. Und noch so vieles mehr.
Ich lasse meinen Blick über alles hier schweifen. Alles, das man Tag für Tag, Stunde um Stunde ansieht, aber nicht recht sieht. Ich sehe die Küche, sehe das Wohnzimmer. Sehe das Chaos, das ich seit meinem Einzug hier hinterlassen habe, sehe die Dinge, die sich schon in ihr neues Zuhause eingefügt habe. Sehe MEIN neues Zuhause.
Hier steht meine Mikrowelle auf einem fremden Tiefkühler, dort hängen meine Klamotten über einem anderen Wäscheständer und da stehen meine Bücher in meinen Regalen in einem neuen Zimmer. Alles vermischt sich. Langsam. Teils sehr langsam. Teils sogar schleppend. Aber dennoch stetig.
Leise höre ich den Kühlschrank summen.

Manchmal würde ich einfach gern auf den Balkon gehen und die laue Sommernacht spüren. Den warme Wind, der leicht durch die Bäume, und meine Haare gleichermaßen, weht hören. Ein paar vorbeifahrende Autos.
Würde gern in den Nachthimmel blicken und vorbei am gelben Licht der Straßenlaternen den großen Wagen und Orion erkennen. Die Wolken am weißen Mond vorbeiziehen sehen und mich in der unendlichen Weite und Größe dessen verlieren, das wir einst Weltall tauften. Ich fühle mich dann oft so klein und unbedeutend. Held? Pah! Dass ich nicht lache! Aber es fühlt sich gut an. Denn mit mir schrumpfen auch meine kleinen Problemchen und alle Superschurken mit ihnen.
Das alles geht hier nicht. Hier habe ich keinen Balkon. Was aber nicht heißt, dass ich hier nicht gern bin. Im Gegenteil. Egal, wie sehr ich gewisse Dinge aus meinem alten Leben vermisse – ich bin froh, es hinter mir gelassen zu haben und ein neues beginnen zu können. Neu starten zu können.

Die letzte Zeit meines Lebens war voller Ereignisse. Voller Ereignisse, die mein Leben grundlegend veränderten. Fragen. Entscheidungen. Mir geht alles immer wieder durch den Kopf. Habe ich alles richtig gemacht?
Ich meine… mein Blog heißt seit langem „Heldenblog“. Der Blog eines Alltagshelden. Dabei fühle ich mich kein bisschen heldenhaft. Absolut nicht. Ich schlage mich immer nur so durch. Eher schlecht als recht. Tag für Tag. Mal ist es schwer, mal gammle ich nur so rum und lasse allem seinen Lauf. Andernstags – und das nicht zu selten, mache ich Fehler, tue Leuten Unrecht, die ich mag und liebe, bin alles andere, als der Freund, der ich gern wäre. Und täglich gehen mir diese uns andere Dinge durch den Kopf, die ich tat und die mir jetzt fürchtbar leid tun. Mit jedem Schritt, den ich gehe. Mit jedem Atemzug, den ich tue. Ich bereue Verhalten von mir, die ich einfach nicht mehr gut machen kann. Auch wenn ich es gern täte. Ich habe Freunde enttäuscht. Tue es immer noch. Und oft bin ich so blind, dass ich es erst viel zu spät sehe. Es nicht mehr gut machen oder um Entschuldigung bitten kann.
Meist bleibt mir einfach nur, im Wohnzimmer auf dem Sofa zu sitzen und meinem neuen Leben ins Gesicht zu starren und zu schwören „Ab jetzt mache ich alles besser.“

Bin ich der Held, der ich gern wäre?
Macht mich dieser Vorsatz zu jemand „heldenhaften“?
Oder werde ich zu genau dem Superschurken, den ich bekämpfe und ebenso fürchte?
Häufig fällt mir ein, dass ich vor einiger Zeit einmal darüber schrieb, dass das Leben wie ein Kartenspiel sei. Man nimmt auf, man legt ab. Aber nichts davon ist je falsch, sondern lediglich eine neue Möglichkeit, neue Spielzüge zu machen. Einige Karten zwingen einen zu gewissen Zügen, andere geben einem mehr Freiraum für eigene Ideen und Taktiken.
Meine Philosophie. Meine Theorie.
Und so oft vergesse ich sie.

Bin ich ein Held?

Sicher nicht mehr, als all die anderen auch, die sich täglich durch ihr eigenes Leben schlagen.
Aber das habe ich ja auch nie behauptet, oder?
Held oder Schurke.
Das steht nicht in unseren Karten. Es liegt an uns.

2 thoughts on “Held, oder…?

    1. Hallö!
      Ganz lieben Dank für das Lob! Ich freue mich immer sehr, wenn ich Zustimmung zu meinen Texten finde und ich damit andere erreiche! :)

      Liebe Grüße!

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