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Helden

Vor kurzem bin ich einmal mehr mit dem Zug von Rostock nach Neubrandenburg gefahren. Wer die Strecke kennt, der weiß, dass sie schrecklich ist und ständig unterbrochen, durch Schienenersatzverkehr ersetzt werden muss.
So auch an diesem Tag. Es war einer dieser Tage, der so brütend heiß war und die Schienen hatten sich wohl irgendwie verbogen. Die Stimmung der Passagiere war entsprechend gereizt und jeder wollte wenigstens einen Sitzplatz bei der Hitze haben. So war es kein Wunder, dass jeder sofort aus dem Zug zum Bus stürzte, seinen Koffer in die Fahrradnische stellte und Platz nahm. Jene, die nicht so schnell sein konnten, sei es aus Altersgründen oder einfach, weil das Gepäck zu schwer war, hatten das Nachsehen.
So eine junge Dame in etwa meinem Alter, die einen Koffer dabei hatte, der ihr bis zum Bauch reichte. Sie war offensichtlich aus dem Urlaub gekommen und stand nun vor der Busstufe, die gut 40 cm über dem Boden lag und bekam ihren Koffer nicht angehoben. Niemand bequemte sich auch nur dahin gehend, ihr zu helfen. Außer mir. Ich stand von meinem Platz auf (Ich hatte nur einen Rucksack dabei), kam ihr entgegen, nahm ihr den Koffer ab und stellte ihn ihr in den Gang. Ich bin nicht der größte und kräftigstes, das weiß fast jeder. Und trotzdem konnte ich ihr ohne weiteres helfen.
Irgendwann war aber diese Fahrradnische voll, ohne, dass alle ihr Gepäck dort unterbringen konnten. So wurde zu aller erst der Busfahrer angebrüllt, der gar nicht so schnell reagieren konnte, wie die Leute im Bus saßen, ob er nicht eine Gepäcklade hätte. Natürlich hatte er. Doch nun musste das Gepäck wieder aus dem Bus raus und in die Ladefläche. Der Busfahrer fing an, die Taschen und Koffer herauszutragen. Wieder rührte sich niemand. Wieder nur ich.
Eine Frau, ca. 50 stand nun mit ihrem schwer beladenen Fahrrad und auch selbst schwer beladen, offensichtlich von einer Fahrradtour kommend, vor dem Bus.
Wieder waren es nur der Busfahrer und ich, die einen Finger krümmten.


Erst, al die Dame ausstieg und auch, als wir dann später am Bahnhof in Neubrandenburg ankamen, halfen auch andere Leute.

Meine Freundin, die dabei war, sagte bezeichnend etwas, wie dass der kleinste im Bus das meiste getan hätte und ich sei jetzt der Held des Tages.
War ich das?
Ich sehe das nicht so. Ich sehe meine Handlungen nicht als außergewöhnlich an. Sondern als selbstverständlich. Ich hatte die Mittel und die Möglichkeiten zu helfen und musste ja nicht einmal einen Verlust befürchten.
So funktioniert das eben. Die Starken helfen den Schwachen. Oder?

Helden… was sind Helden?
Ich frage mich das schon eine Weile. Laut Wikipedia ist „ein Held (griechisch ἥρως hḗrōs, althochdeutsch helido) ist eine Person mit besonders herausragenden Fähigkeiten oder Eigenschaften, die sie zu besonders hervorragenden Leistungen, sog. Heldentaten, treibt“
Laut dieser Definition war ich also absolut kein Held, wie ich es gschon angenommen habe. Ich habe keine herausragende Fähigkeit und somit damals auch keine eingesetzt und ich habe auch keine wirklich herausragende Leistung vollbracht. Ich war einfach da und habe getan, was ich konnte. Und zweite andere in diesem Bus hätte genau das auch tun können.

Was mich aber noch viel länger beschäftigt ist eine viel größere Frage:
Wo sind dann die ganzen Helden hin?
Wo sind jene, mit herausragenden Fähigkeiten, die herausragende Taten vollbringen?
Wo sind Leute, wie Herkules, Achilles, Alexander der Makedonien oder Karl der Große?

Heute haben wir Guido Westerwelle und Host Köhler. Leute, die kein Rückgrat haben, auch mal gegen den Strom zu schwimmen und ihre Fähigkeiten dazu einzusetzen, ein Ziel zu erreichen. Auch in kleineren Kreisen. Wir haben nur noch Leute, die im Bus sitzen bleiben. Leute, die wegschauen, wenn auf der Straße andere geschlagen oder gequält werden. Gesichtslose, dahinvegetierende Ja-Sager, die ihr Leben vom Anfang bis zum Ende gehen ohne nach links und nach recht zu schauen, aber sich maximal beinflussen lassen von den Stimmen, die ihnen sagen, wo sie hin sollen. Ohne dabei auf die Idee zu kommen, auch mal ihren Weg weiterzugehen und NEIN zu sagen.

Gott… ich will keinen Perfekten Superman. Diese Utopie ist bei mir mit pätestens 9 Jahren gestorben. Jeder hat Fehler. Natürlich. Und die würden niemanden, den ich rufe,  zur Last gestellt werden.
Ich rufe doch nur nach Leuten, die sich trauen, etwas zu tun. Traut euch! Ihr werdet heute mehr denn je gebraucht. Bösewichte gibt es genug. Schaut die Nachrichten. DAS DA sind wirklich fiese Typen. Es gibt sie. Die Masterminds und die Schläger. Leute, die Senioren in der U-Bahn zu Tode prügeln. Leute, die sitzen bleiben. Hat sich das Böse letztendlich doch durchgesetzt? Hat es gesiegt?
Traut euch. Tut euch zusammen. Kommt wieder hervor. Ich will noch nicht meinen Glauben an Helden aufgeben, die tun, was in ihrer Macht steht.
Traut euch. Kommt.

Denn es ist Zeit für Helden.

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