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Kalter Kaffee

August 07

Ich wache auf. Wieder einmal.
Völlig orientierungslos schaue ich mich um. Irgendetwas habe ich geträumt. Keine Ahnung was. Etwas von der Vergangenheit. Von besseren Tagen – das weiß ich noch. Details sind mir nicht geblieben.
Ich setze mich auf; schaue vom Bett aus aus dem Fenster. Es ist noch fast völlig dunkel draußen. Nur wenn man genau hinsieht, erkennt man schon den Hauch des Sonnenaufgangs. Kalt, rosa, erfrischend, neu. Ein paar Vögel zwitschern schon, doch zum größten Teil ist es noch still da draußen. Ich schaue auf die Uhr. Halb 4.


Irgendwas an meinem Traum hat mich berührt. Tief im Innern. Auf eine Weise, die weh tut, weil sie schön ist… nein… weil sie schön war. Es war etwas aus der Vergangenheit. Denke ich.
Ich schaue mich im Zimmer um. Das tägliche Chaos vor mir. Ich erkenne Teller, Verpackungen, DVD-Schachteln. Nein, ich erahne sie. Denn sehen tue ich nur noch die verschwommenen Umtisse. Zumindest auf diesen einen Meter Entfernung.
Das, was mich in meinem Traum berührte, war nicht etwas aus der Vergangenheit, fällt es mir langsam auf – es war die Vergangenheit.
Jene Zeit, in der ich zwar Probleme hatte, die aber im Gegensatz zu heute irgendwie klein wirken. Jene Vergangenheit, in der ich selbst auf 15 Meter noch erkennen konnte, welche Marke die Kekse hatten, die ich vor 2 Wochen gegessen habe und deren Verpackung ich liegen ließ.
Eine Vergangenheit, die lang her scheint, es aber gar nicht ist.
„Kalter Kaffe“, denke ich, schüttle den Kopf und versuche so, das bedrückende Gefühl loszuwerden.
Ich stehe auf und gehe über den Flur in die Küche. Auf dem Weg schalte ich das Licht an, denn ich sehe im Dunkeln nichts mehr. Auch das war einmal anders.
Da ich an Schlaf eh nicht mehr denken kann, mache ich mir etwas Kaffe. Während das Wasser langsam zischend im Wasserkocher anfängt warm zu werden, schaue ich mich in der Küche um.
Fast wie die Küche damals, als ich noch in meinen eigenen vier Wänden wohnte. Als ich noch mein eigener Herr war. Oder es versuchte, zu sein. Als Verpackungen von Fertigessen herumlagen, der Kühlschrank irgendwie dauerleer war und ich am Ende des Geldes noch jede Menge Monat übrig hatte.
Ich lächle schwach. Denn ich vermisse diese Zeit – trotz aller Probleme und Ängste. Ich vermisse die Freiheit und die Selbstständigkeit, die ich täglich für selbstverständlich hielt. Und jetzt…
Der Wasserkocher klickt und ich schüttle wieder den Kopf. Und während ich mir frischen Kaffee eingieße, denke ich erneut: „Alles kalter Kaffee.“
Ich sitze wieder in meinem Zimmer, auf meinem Bett. Die dampfende Tasse Kaffee vor mir auf dem Fernsehtisch, Oberlicht an, Laptop läuft. Mit 200% Vergrößerung und Bildschirmluoe lese ich ein wenig auf Twitter. Viel ist nicht los. Also schaue ich auf Youtube Videos.
Aber richtig mitbekommen tue ich nichts.
Ich denke an die Menschen, die mir auf meinem Weg bisher begegnet sind, die ich nicht mehr kenne, die zurückblieben, die andere Wege gingen. Einige will ich nicht mehr sehen. Andere dafür umso mehr. Ich vermisse sie. Ihre Anwesenheit, ihre Präsenz. Sie fehlen mir. Und bei einigen ergreift mich die Scham, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich nicht viel zu unfair war. Bei anderen die Wut, weil sie unfair zu mir waren.
Mit diesen Gedanken schlafe ich schließlich doch wieder ein. Verfalle in einen unruhigen, schweißnassen Schlaf, aus dem ich erst gute fünf Stunden später wieder erwache. Nicht ganz so orientierungslos, dafür um so stärker berührt und zerzaust. Diese Träume…
Ich setze mich auf. Draußen hat es angefangen, stark zu regnen. Der Regen prasst gegen das Fenster, ein kalter Luftzug weht durchs Zimmer. Mein Kopf dröhnt, wie ein V8 Motor, ist aber leider lang nicht so leistungsstärk. Meine Gedanken sind kaum klar zu fassen.
Man sagt, Dinge, von denen man noch lange Zeit danach träumt, lassen einen wahrscheinlich nie wieder los. Ich bin gewillt, das zu glauben. Bin aber nicht gerade froh darüber.
Mit grimmigen Blick greife ich nach der Tasse, die auf meinem Fernsehtisch steht und nehme, einen tiefen Zug darazus.
Dann verziehe ich das Gesicht noch mehr.
Während ich meinen Blick über mein Zimmer schweifen lasse, denke ich an die Zugkunft, die Vergangenheit und die Gegenwart zugleich. Denke an jene Leute von damals, die mir fehlen, an Erlebnisse, die alles umwarfen und an meine Krankheit, die mich noch immer bis ins Mark schockiert und vor allem ängstigt. Ich will in die Vergangenheit zurück, lebe mehr schlecht, als recht in der Gegenwart und laufe auf die Zukunft zu, vor der ich Angst habe.
Dann schaue ich in die Tasse in meiner Hand.
Das Koffein tut langsam sein Werk.
Es ist bitte, es ist herb und es weckt einen trotzdem auf. Aber schmecken tut es nie:
Irgendwie ist alles und wird alles, früher oder später, langsam oder schnell, gewollt oder ungewollt lediglich zu kaltem Kaffee.

 

Posted by on 7. August 2012 in Zusatzseiten

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