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Der Ernter

Der Ernter

In einem Land, das so trostlos ist und so öde, dass es längst vergessen wurde.
In einem kleinen Dorf, das so klein und unbedeutend ist, dass es kaum jemand kannte.
Hier ist der Fortschritt der heutigen Zeit,  ja, der heutigen Welt noch nichtangekommen; hier bestehen die Häuser noch aus Lehm und die Dächer aus Riet, denn es ist immer so heiß im Sommer.
Hier, wo nur noch ein paar Hand voll Menschen leben, unwissend, wo und wann und was der Fortschritt ist; hier, wo keine Postkutsche hält und wo Wanderer intuitiv einen Bogen darum machen; hier, wo die Menschen seit Jahrzehnten, vielleicht seit Jahrhunderten leben, wie sie es eben immer taten, hier gibt es eine Legende.
Man erzählt sich vom Erntemond, auch genannt dem Ernter.
Der ein oder andere, Unwissende, mag denken, dass dieser Mond, der zum Ende der brütend heißen Jahreszeit und mit dem Erscheinen der ersten Nebeltage und Regenfälle, das erste Mal erscheint und dies über die Monate und Wochen immer wieder tut, „Ernstemond“ heißt, weil er zur Zeit der reifen Früchte und des reifen Korns auftritt. Doch hier, wo nur eine Straße durch das Dorf führt, eine staubige Straße, die zur Zeit des Nebels und Regens zu einer einzigen Schlammpfütze wird, gibt es kaum Früchte, die reifen und Korn, das prall werden kann. Und doch sind die Menschen hier stets wohl genährt und fruchtbar, wie eh und je.
Hier gibt es eine Legende, die von den Urgroßeltern an die Großeltern weitergegeben wurde. Von den Großeltern an die Eltern. Und von den Eltern an die Kinder. So war es schon immer. Und so wird es auch immer bleiben.
Diese Legende lässt die Bewohner von hier jede Nachte, ab dem ersten Erntetag, eine Kerze am Fenster eines jeden Zimmers aufstellen. Manchaml sogar mehr, für den Fall, dass die eine in der Nacht ausgehen, und das Zimmer in völlige Dunkelheit tauchen könnte. Sie lässt es jeden der Bewohner tun, wie sie es schon immer taten und immer tun werden.
Diese Legende handelt vom Erntemond. Dem Ernter.
Der Erntemond erscheint am Himmel, aschfahl und voll, wie ein Vollmond. Blass leuchtend, wie die Geister unserer Ahnen. Doch es ist kein einfacher Mond, der am Himmel steht. Schaut man genau hin, so entdeckt man ein fast zur Gänze verborgenes Gesicht. Verborgen von Beinen und Armen und Händen, angewinkelt, als sei das Gesicht dahinter geblendet und zur perfekten, runden Mondform verkrümmt.
Und steht der Ernter zur dritten Stunde nach der Mittnacht nur knapp über dem Horizont, dem Hügel, nur ein paar Meilen von dem Dorf entfernt, so lösen sich diese Glieder aus der perfekten Form der runden Scheibe. Sie schälen sich aus der Form; lange, dünne, aschfahle Arme und Beine, die lautlos auf den Hügel, der auf das Dorf hinab schaut, auftreten. Und sie geben das Gesicht frei, das man bis hier her nur erahnen konnte. Das grässliche grinsende Gesicht mit einem breiten Mund und gut drei Dutzend nadeldünnen, spitzen Zähnen. Und mit den Augen, wahnsinnig und grausam intelligent zugleich. Blasphemische Intelligenz, die aus Äonen der Existenz entstand. Mehr Trieb, mehr Instinkt, als bloßer Intellekt.
Alles geschieht lautlos und doch umgeben von einer so greifbaren Präsents, dass sich jegliche Existenz von dem Hügel seit jeher fern hielt. Kein Gras, kein Gewürm, keine Tiere leben hier oder taten es je. Und sie würden es nie tun.
Der Ernter steigt mühelos aus dem Firmament auf die Erde. In diese Welt. Er verlässt das Bild des Himmels, als steige ein Modell aus seinem Portrait. Und hat er sich vollständig herausgeschält, so beginnt er seinen Weg hinab in das Dorf.
Kein Schritt von ihm gibt einen laut. Keine Bewegung ist zu hören. Und selbst der Wind scheint sich von dem Etwas, das hier „Der Ernter“ genannt wird, fern zu halten.
Der Himmel ist schwarz, denn ihm wurde sein Mond genommen.
Doch der Ernter leuchtet noch immer blass sein grässliches Totenlicht.
Nur das warme, gelbliche Licht des Feuers, der Kerzen, meidet er. Es scheint das einzige zu sein, das ihn davon abhalten kann, das Haus zu betreten und in jenen Zimmern zu ernten, in denen Dunkelheit herrscht. Die Leute hier meinen, dass dies der Beweis dafür sei, dass das Feuer ein Geschenk Gottes sei. War. Denn die bloße Existenz des Ernters ist für sie der Beweis dafür, dass kein Gott mehr existiert.
Hin und wieder gibt es unglückliche Seelen, deren Lichter im Zimmer erlöschen. Der Ernter tritt lautlos in dieses Zimmer, grinsend und irre blickend. Und starrt seine Ernte lange an um zu prüfen, ob sie reif ist. Doch noch nie hat er eine Ernte verschmäht. Für ihn scheint sie immer reif zu sein. Er nimmt ihnen ihre Herzen und ihre Fähigkeit Gefühle zu empfinden oder Laute von sich zu geben. Zurück bleibt eine leere Hülle, die mit glanzlosen Augen in die Ferne schaut und etwas versucht zu erkenne, was dort nie erscheinen wird. Und die Bluten. Unerlässlich bluten. An jener Stelle, wo einst ihr Herz war. Getan ist dann die Ernte für diese Nacht.

Diese Legende mag für einen Fremden wie ein Ammenmärchen klingen. Eine Schauergeschichte für kleine Kinder. Und vielleicht ist sie es auch. Sicher gibt es eine Erklärung von der Wissenschaft, die zeigt, warum der Mond plötzlich hier ein anderes Gesicht hat. Und wohl auch eine These, welche religiösen oder ethnischen Gruppen diese Legende zu Grunde liegt.
Doch wie bereits erwähnt, weiß man hier nichts von dem Fortschritt und dieser Wissneschaft.
In diesem Land, das so trostlos ist und so öde, dass es längst vergessen wurde.
In diesem kleinen Dorf, das so klein und unbedeutend ist, dass es kaum jemand kannte.
Mit einem sehr großen Friedhof…

 

2 responses to “Der Ernter

  1. Hoitzenplotz

    26. Januar 2012 at 09:35

    Du m u s s t viiiiel mehr schreiben!
    Deine Sprache ist auf eine wundersame Weise altmodisch und modern zu gleich. Genau so, wie sie einfühlsam und bilderstark ist.
    Dir kann man gut zuhören, zu-lesen. Mach weiter!
    Da können Bücher draus werden!

    Uschi

     

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