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Tag Archives: ende

Lübeck

Als der Wecker klingelte, war ich bereits wach.
Ich starrte an die Decke. Lübeck. Ich war eigentlich unfreiwillig hier geblieben. Und jetzt, wo ich eine Nacht hier war, merkte ich, wie sehr es mir fehlen würde.
Ich schloss noch einmal meine müden Augen und atmete tief ein. Ich roch den Geruch des alten Hauses, in dem ich ein Jahr gewohnt hatte. Ich sah, wie ich hier zwischen Kisten gelebt hatte, wie ich zu ersten Mal hier im Bett lag und an dieselbe Decke starrte, mit nur einem Unterschied: Damals war ich am Einschlafen – heute bin ich am aufwachen.
Dann stehe ich auf und mache mich fertig.
Ich schaue mich in meiner Wohnung um und erhasche wieder den Eindruck, den ich hatte, als ich hier frisch eingezogen war. Es war der Beginn eines Abenteuers. Neu. Beängstigend. Aufregend. Es ist ein beflügelndes Gefühl gewesen.
Ein paar Minuten später stehe ich an der Bushaltestelle. Ich will mein Lübeck noch einmal sehen. Ein letztes mal so sehen, wie ich es sehe.
Der Bus kommt zu spät. Wie schon immer.
Auf der Fahrt in die Altstadt sehe ich, dass sich nichts verändert hat. Lübeck ist das, was es immer war und wahrscheinlich immer sein wird. Seltsame Gestalten, beschäftigte Menschen. Arme, Reiche. Grau und Bunt. Alt und neu.
In der Altstadt angekommen umarmt mich die Stadt herzlich mit ihren grauen, feuchten und lauten Armen. Ich gehe die Breite Straße entlang. Die Einkaufsstraße in Lübeck.
Ein ausländischer Schneider schreit eine Frau in seiner Muttersprache hysterisch an. Ich verstehe kein Wort.
Mir kommen junge Mädels entgegen. Grüne Haare, zerrissene Hosen. Lachend. Ich lächle. So ist Lübeck und so mag ich es – lauter Verrückte. Mich eingeschlossen. Es tut gut, nach langem wirklich wieder „echt“ zu lächeln.
Der Straßenmusikant spielt links an der Ecke zur Dr-Julius-Leber-Straße auf seiner Gitarre.
Er ist nicht sonderlich gut.
Es klingt für mich, wie eine Symphonie und ich werfe ihm 50 Cent in den Hut, obwohl ich im Moment jeden Cent einzeln umdrehen müsste.
Ich bin hypersensibilisiert.
Mein Regenschirm baumelt lose in meiner Hand. Ich habe ihn nicht aufgespannt, obwohl es regnet. Ich will den Regen spüren, jeden Tropfen. Ich merke den Wind, der mir durch die nassen Haare weht. Ich rieche links Waffeln, rechts Bratwurst. Ich sehe die Bunte Werbung der ausländischen Essensstände.
Ich sehe eine junge Frau, die schwanger mit ihrem Freund Hand in Hand durch den Regen geht. Sie ist sehr hübsch, hat einen dicken Babybauch und rosige Wangen. Ihre Augen sind groß und sofort liebenswürdig. Sie wirkt gesund, wie schwangere Frauen fast immer aussehen. Und sie wirkt glücklich. Der Freund sieht aus, als könne er vor lauter Muskeln kaum gehen. Ich wünsche den beiden in Gedanken das beste für ihr Leben.
Weiter unten erinnere ich mich an meine ersten Stunden in Lübeck. Und das spezielle Lübeck-Gefühl, das ich schon vorher in meinem Bett hatte, kommt wieder in mir hoch. Ich bin wieder Abenteurer hier.
Warum kommt dieses Gefühl, das man erst hat, aber dann nach einiger Zeit so schmerzlich vermisst, erst dann wieder auf, wenn man im Begriff ist, das geliebte zu verlassen und zu verlieren?
Allen Personen, denen ich entgegenkomme, schaue ich ins Gesicht, es ist wunderbar, was für eine Vielfalt auf dem Boulevard von Lübeck herrscht. Ich bleibe stehen und verliere mich mehrere Minuten darin, einfach nur alles zu beobachten. Ein Vater schimpft mit seinem Sohn. Ein Kind fragt, warum der Brunnen nicht an ist. Ein Punker-Päärchen knutscht hemmungslos an der Ecke. Ein Skateboarder bleibt beim McDonalds-Schnellkauf-Fenster stehen. Ein Bettler sitzt wie eine Puppe dort und wartet auf Geld. Ein Geschäftsmann geht wild am Handy gestikulierend an mir vorbei. Ein Mann, der ein wenig, wie ein Mafiosi aussieht und eben so einen Anzug und Hut trägt kommt von links. Zwei junge Frauen gehen von recht gackernd und lachend an mir vorbei.
Ich will das alles nicht missen. Doch ich muss.
Ich schaue kurz auf die Uhr. Es ist noch genug Zeit eine größere Runde zu drehen. Ich mache einen Abstecher zur Trave. Es riecht nach Hafen, obwohl nicht viel Schiffsverkehr ist. Das wasser klatscht leise an die Kanalwände und von weitem höre ich, wie Touristen auf der Rundtour Lübeck gezeigt wird. Ich erkenne von weitem, wie ein vielleicht 5-jähriger Junge am Brückengeländer steht und gebannt ins Wasser starrt. Keine Ahnung, was er denkt, aber so stand ich auch schon da. Wieder lächle ich.
Ich besuche all die Läden, in denen ich früher oft war. Ich nehme alles, wie ein Schwamm auf. Jede Reklame, jedes Geräusch, alle Gerüche, alle Emotionen. Einige Händler grüßen mich sogar, weil sie mich kennen. Ich grüße freundlich zurück.
Auf dem Weg werde ich von einem Fahradfahrer fast umgerissen. Er fährt weiter, ohne etwas zu sagen oder anderweitig zu reagieren. So ist Lübeck nun mal. Love it or hate it. Liebe es oder hasse es. Es macht keinen Unterschied für die Stadt; sie macht so weiter.
Ich habe mich unsterblich verliebt.
Mein Weg führt mich durch Lübecks enge Gassen. Blumen lassen den Kopf hängen, weil Ihre Blüten so schwer sind. Sie sind ein grandioser Kontrast mit ihrer knalligen gelben oder roten Farbe zu dem Ziegelrot der Altbauten.
Die Giebel der Häuser sind schief und krumm, sie haben alle unterschiedliche Töne und ergeben zusammen ein wunderbares Mosaik das Altertums. Hinter den Giebeln entdecke ich die Marienkirche. An ihr sitzt ein kleiner Teufel aus Beton. Ich erinnere mich lächelnd an die kleine Geschichte, die dahinter steckt und habe eine Träne im Auge, als ich daran denke, wie es war, das erste mal neben ihm zu stehen.
Abrupt drehe ich mich um. Noch einmal überquere ich die Breite Straße; noch einmal umfängt mich der Geruch von einer Million Dingen. Ich stehe nun vor dem Thomas-Mann-Haus. Hier fing alles an. Hier war ich, als ich das erste mal in Lübeck war. Hier habe ich mich verliebt. Ich muss lachen, als ich eine Schulklasse das Haus verlassen sehen. Es ist, als schaute ich in einen Spiegel.
In Lübeck habe ich viele Schmerzen erfahren. Doch vieles davon kann ich mir selbst zuschreiben. Ich habe nämlich genauso viel dazugelernt und kennen gelernt. Dinge, die ich nicht missen möchte.
Ich denke an alte Freunde aus der Fachhochschule und daran, dass auch diese nun andere Wege gehen. Denke an Leute, die ich wahrscheinlich nie wiedersehen werde, weil ich nie viel mit ihnen zu tun hatte. Aber sie alle gehörten dazu. Zu dem Lübeck, wie ich es erfahren hatte.
Der Wind bläst mir stark ins Gesicht. Ich schließe die Augen ein weiteres mal und atme tief die Luft ein. Ein letztes mal.
Als ich am Bahnhof ankomme, tun mir die Füße weh. Ich drehe mich noch einmal um und sehe Lübecks Wahrzeichen, das Holstentor, das ich von allen Gebäuden in Lübeck am meisten liebe. Mit seinen schiefen Türmen, wirkt es, wie eine sympathische Karikatur von sich selbst. Ein paar Touristen fotografieren es.
Es ist nass und der Himmel dahinter ist grau. Ich fand es nie schöner.
Es kribbelt in meiner Nase.
Adieu, Lübeck. Ich bin jetzt eine Weile nicht mehr da. Es war schön mit Dir und ich werde Dich, wo auch immer ich bin, immer in meine Herzen tragen. Dich und all Deine Macken, aber auch – und vor allem – Deine wunderschönen Seiten.
Ich wünschte, ich könnte Dich länger begleiten und länger an Deiner Seite wandeln. Aber das Leben arbeitet manchmal gegen einen und seinen Traum.
Ich werde Dich vermissen.
Adieu, Lübeck.
Aber ich werde wiederkommen. Irgendwann.
Denn unsere Schicksale sind nun untrennbar miteinander verknüpft.

 

Posted by on 11. August 2009 in Essay, Gedankenseiten

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Karten

„Du sagst, du hast dich verloren,
Erkennst dich selbst nicht wieder,
Als hättest du ein fremdes Leben gelebt.
Musst irgendwohin, am besten alleine,
Auch wenn es dir widerstrebt. 

Du hast nachts I’m Traum plötzlich Visionen,
Du zweifelst an deinem Verstand.
Du sagst, du hast Angst,
Du weißt nicht, wie es weitergeht,
Und du bist ausgebrannt. “
(Farin Urlaub Racing Team, „Karten“)

 

Posted by on 5. Mai 2009 in Gedankenseiten

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Was wir müssen

Was wir müssen
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Wie ist es, 
jemanden zu verlieren?
Zu spüren,
wie dort ein großes Loch entsteht.

Ohnmächtig mit anzusehen,
wie jemand von einem geht,
zu sehen, wie ein Leben vergeht,
und einfach daneben zu stehen.

Es ist Qual. 
Es ist Schmerz.
Es bricht einem das Herz.
Nimmt einem jede Hoffung.

Daneben zu stehen,
nichts tun zu können,
zuzusehen,
und doch lächeln zu können.

Weil es das letzte ist, 
was der andere sieht
und ihm auf die Stirn zu küssen,
ist das, was wir müssen.

 

Posted by on 2. April 2009 in Lyrik

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Ich bin stolz…

 

Posted by on 1. April 2009 in Gedankenseiten

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[Essay] Große Dichter und Denker

Große Dichter und Denker hatten immer einen passenden Spruch parat.
Immer wussten sie etwas kluges und elegantes von sich zu geben.
Große Dichter und Denker… sie sind tot.

Ich muss zugeben, ich bin in den letzten zwei Tagen sehr nah am Wasser gebaut.
Ich bin vielleicht weder großer Dichter, noch Denker.
Vielleicht habe ich deshalb kaum einen klugen Spruch parat.
Ich habe ein Buch mit Lebensweisheiten… große Dichter und Denker… sie helfen mir trotzdem nicht.

Ich habe eine Freundin.
Ich gebe zu: Wir kennen uns noch nicht lange. Aber es ist etwas besonderes. Wirklich. Da ist ein Band zwischen uns, das man so selten findet.
Es hat sich eine gute Freundschaft entwickelt.
Meine Freundin hat Krebs.

Und jetzt? Wo sind die großen Dichter und Denker?
Und vor allem: Was brächten mir ihre klugen Sprüche?
Was bringen irgendwelche tollen Zitate von Einstein, Goethe und Konfuzius?

Sollte ich diese Freundin verlieren…
Was bringen mir all die klugen Worte?
Was bringen mir meine neunmalklugen Texte, die ich verfasse?

Sollte ich diese Freundin verlieren…
Ich wüsste es nichtmal.
Ich würde mich wundern, warum sie nicht mehr online kommt, denn sie wohnt weit entfernt.
Ich würde es erst dann erfahren, wenn es über drei Ecken zu mir gelangte.

Sollte ich diese Freundin je verlieren…
Ich würde sie nie vergessen.
Vielleicht einen klugen Text über sie verfassen.
Würde weinen. Lange und schmerzhaft.
Und dann würde ich an ein Lied denken, das sie mir mal gezeigt hat: „So lang mein Herz noch schlägt…“

Große Dichter und Denker…
Sie verfassen kluge Texte.
Ich verfasse kluge Texte.
Doch meine Freundin… sie lebt.

 

Posted by on 31. März 2009 in Essay, Gedankenseiten

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Zu Ende

Zu Ende
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Zu Ende.
Das Spiel ist vorbei.
Keine neue Runde,
keine neue Chance.

Bis hier hin ging’s
und ab hier geht’s
auch nicht weiter.

Es ist vorbei.
Kein Kämpfen mehr,
keine Qualen.

Ruhe.
Endlich.
Ende.
Ist auch immer ein Anfang.

 

Posted by on 11. März 2009 in Lyrik

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